,

Interview mit Carlos Leal

MARK VAN HUISSELING über… 

Carlos Leal

Was ist deine persönliche Priorität, ­Musik oder Film und Fernsehen?» (Wir sind nicht bekannt miteinander, reden aber, wie immer, wenn ein Deutschschweizer und ein Romand sich treffen, Englisch, drum das Du.) «Im Augenblick bin ich meine Priorität. Herausfinden, wer ich bin. Und das ist ein grosser Job; für einen Schauspieler ist es auch ein Fortschritt, wenn man das tut.» – «Wolfgang Joop hat einmal gesagt: ‹Selbstsuche und dieser ganze Quatsch… Es ist recht ­ernüchternd, wenn man merkt: Da ist gar nichts.›» – «Ha, ha, ich liebe diesen Satz. Ich denke nicht, dass ich meine Zeit vergeude, es ist auch kein 100-Prozent-Pensum. Ich bin beschäftigt als Schauspieler, das ist meine Priorität. Ich habe Arbeit, gute Arbeit, also muss ich glücklich sein. Und in meinem richtigen Leben, ­privaten Leben, werde ich erwachsen. Manchmal ­helfen mir meine Charaktere, die ich spiele, dabei.

Die Unsicherheit zum Freund machen

»Carlos Leal, 43, aus Renens bei Lausanne, ist Schauspieler («Snow White», «Casino Royale» [Nebenrolle], «Sennentuntschi»). Ausserdem Musiker, mit der Hip-Hop-Gruppe Sens Unik nahm er mehrere gut verkaufende Alben auf. Der Sohn spanischer Einwanderer ist verheiratet mit einer belgischen Schauspielerin/Schauspiellehrerin, sie haben einen Sohn. Nach ­längerer Zeit in Madrid lebt er seit einigen ­Jahren in Los Angeles. Dieses Gespräch fand in einem Zürcher Hotel statt, wo er zurzeit wohnt (er spielt in Folgen der Serie «Der Bestatter», die 2014 von SRF gezeigt werden).

«‹Schauspieler gedeihen durch das Auf und Ab ihrer Laufbahn, und durch viele falsche Hoffnungen sowie gelegentliche Erfolge›, schreibt der Schriftsteller Justin Cartwright.» – «Ja, ich bin einverstanden.» – «Interessant, dass man gedeihen kann, wenn es abwärtsgeht. Ist Sicherheit wichtig für dich?» – «Es ist so: Als Künstler muss man annehmen, dass ­einen Unsicherheit begleiten wird durchs ­Leben. Man muss sie zum Partner machen, zum Freund, sonst wird sie der Feind. Und wenn Unsicherheit der Feind ist, muss man aufhören. Letztes Jahres hatte ich eine Zeit der Leere als Schauspieler. Also habe ich wieder angefangen, Liedertexte zu schreiben, daraus wurde ein Musikprojekt . . . So, wenn Unsicherheit an meine Türe klopft, bekomme ich Angst. Und daraus die Kraft, etwas Neues zu machen.»

Interview mit Carlos Leal

Schauspieler und Musiker Leal, 43, in Los Angeles. Bild: Serge Hoeltschi (13 Photo)

«Das Ego ist eine Gefahr für einen Künstler.» – Carlos Leal

«Noch ein Zitat [und eine lange Frage]: ‹Sie waren ein Künstler, jetzt sind Sie bloss noch ein Genie›, soll Braque zu Picasso gesagt haben. Früher hast du gespielt in ‹Snow White›, ­‹Casino Royale›, hast die Musik zum Mathieu-Kassovitz-Film ‹La Haine› gemacht; jetzt spielst du in diesem Yangzom-Brauen-Film und im ‹Bestatter› und bist der lustige Mann in der UPC-Cablecom-Reklame . . .» – «Ah, ­erstens, ich liebe und respektiere Genies, und ich kenne ein paar – ich bin nicht sicher, ob ich je so gross sein werde neben ihnen [hält die Hand vierzig Zentimeter über den Boden]; aber ­wenigstens bin ich mir dessen bewusst. Man muss eine Karriere langfristig sehen, ich weiss, was ich tue. Was ich im Augenblick in Hollywood tue [er zeichnet Anführungszeichen in die Luft vor und nach ‹Hollywood›], hilft mir in der Schweiz, in Europa. Ich bin kurz davor, ein Riesenprojekt anzufangen, ein europäisches Projekt. Und das nur, weil ich irgendwann aus der Schweiz weggegangen bin. Seit drei Jahren bin ich ein working actor, ich bin in the matrix; es gibt viele, die keine Arbeit haben. Meine ­Karriere ist im Moment im Übergang. Den ‹Bestatter›, übrigens, finde ich eine gute, eine richtig gute TV-Serie; es macht mich stolz, dass man mich anfragt, wenn eine solche Produk­tion gemacht wird in der Schweiz.»

«Ich denke, als Schweizer in Hollywood hat man es noch schwerer, was das Urteil von Journalisten und Beobachtern angeht, seit viele Misses Schweiz plus Nomi Fernandes . . .» – «Wer?» – «. . . ein sogenanntes ‹Glamour-Model› – nett im Grunde, problematisch vom Entwurf her –, nach Hollywood gingen, um berühmt und reich zu werden.» – «Als Schauspieler muss man Distanz haben zur Sicht der Landsleute, sich loslösen von ihren Erwartungen. Ich kann das nicht auf meinen Schultern tragen, es geht mich nichts mehr an. Und sie sind nicht die, die meinen Kühlschrank füllen.» – «In der Schweiz bist du aber bekannt, berühmt vielleicht, und oft in Zeitungen, Zeitschriften . . .» – «Mein Problem: Ich hasse Mittelmass. Doch manchmal mache ich was Mittelmässiges, ich weiss nicht, wieso . . . Der Betrieb ist eine ­Maschine, man kann das nicht kontrollieren. Das Ego ist eine Gefahr für einen Künstler.» – «Aber auch notwendig.» – «Ja, genau wie die Unsicherheit.»

Sein liebstes Restaurant : «Le Verre Volé»; 67, rue de Lancry; Paris (dixième arrondissement), Telefon +33 1 48 03 17 34.

,

Interview mit Lisa Simone

MARK VAN HUISSELING trifft…

Lisa Simone

Lisa Simone; Ihre Mutter Nina Simone kennt man, auch wegen ihr. Aber wer ist sie?

Wie fühlst du dich, retour in der Schweiz [sie war im Internat La Châtaigneraie in Founex] und nach deinem Auftritt am Montreux Jazz Festival?» – «Wow, es war ein Traum für mich – ich hatte ein Poster vom Konzert meiner Mutter von 1976 in Montreux, und ich hab mir immer vorgestellt, wie es wäre, wenn ich einmal hier singen dürfte … Gestern Nacht ist dieser Traum wahr geworden, es war zauberhaft, weisst du. Es ist wie eine Wiederauferstehung, seit ich nach Europa gezogen bin. Dinge, die gut sind für mich, passieren in meinem Leben.» – «Fühlst du dich wohl im Haus deiner Mutter und in Frankreich [sie lebt seit drei Jahren in der Nähe von Marseille, wo ihre Mutter 2003 gestorben ist]?» – «Es gibt überall, wo man sich niederlässt, Schwierigkeiten – für alles Wundervolle im Leben zahlt man einen Preis. Also musst du rausfinden, ob es für dich wertvoll genug ist. Ich finde, ich gehöre nach Frankreich, ein Teil meiner Seele fühlt sich dort zu Hause. Ich schlafe jetzt dort, wo meine Mutter starb – ich musste meinen Frieden mit ihr finden, das ist mir gelungen durch Meditation. Und weil Zeit tatsächlich alle Wunden heilt.»

Schwierige Kindheit

Lisa Simone ist eine amerikanische Sängerin und Broadway-Schauspielerin. Sie hatte eine schwierige Kindheit und Jugend, weil, vereinfacht gesagt, ihre Mutter Nina Simone – die Musikerin und Bürgerrechtlerin – die Gestaltung ihres Lebens und ihrer Laufbahn nicht dem Kindswohl anpasste. Lisa reiste etwa als kleines Mädchen mit an Auftritte der Mutter auf der ganzen Welt oder verbrachte Monate in der Obhut verschiedener Mitarbeiter, wenn Nina auf Tour war. Als Lisa zwölf war – zu dieser Zeit verlor Nina Simone «ein wenig den Bezug zur Realität» (Wikipedia) –, folgte sie ihrer Mutter zuerst nach Liberia, dann nach Senegal. Nächste Station auf Nina Simones Lebensweg war Lausanne, wo Lisa in ein Internat kam, das Claude Nobs empfohlen hatte. Mit dreizehn besuchte sie für ein paar Tage ihren Vater in Amerika, um ihm mitzuteilen, dass sie nicht zur Mutter zurückgehe. Mit achtzehn trat sie der amerikanischen Luftwaffe bei, zuerst war sie in Frankfurt stationiert, während des ersten Golfkriegs leistete sie Dienst im Irak, sie war beim Flugzeugunterhalt eingeteilt. Anschliessend begann sie als Musicaldarstellerin zu arbeiten (sie hatte in der Jugend in verschiedenen Schulen Gesang erlernt) und als Sängerin; sie hat zwei Alben veröffentlicht. Lisa Simone ist verheiratet, hat drei erwachsene Söhne und eine siebzehnjährige Tochter, die mit ihrem Mann in New York lebt. Dieses Gespräch fand statt vor ihrem Auftritt am Festival da Jazz in St. Moritz.

Lisa Simone Interview

«Auch eine Revolutionäre»: Musikerin und Schauspielerin Simone. (Bild: Christopher Pledger (Eyevine))

«‹All lives matter›, nicht bloss ‹Black lives matter›» – Lisa Simone

«In Amerika verschlechtert sich zurzeit das Verhältnis vieler Schwarzer zu den Weissen, vor allem zur Polizei – wie siehst du’s?» – «Diese Probleme waren immer da. Ich kenne mich aus mit der Mentalität von Uniformierten – mein Vater und seine Brüder waren Polizisten in New York, ich war elf Jahre im Militär … Es gibt viele Leute, die ihre Privilegien missbrauchen. Andererseits ändern sich Dinge, und dann gibt es Aufruhr. Aber im ‹land of the free and home of the brave› [Land der Freien und Zuhause der Tapferen; Zeile aus der Nationalhymne Amerikas] ist noch viel zu tun. Meine Mutter wusste es, sie war eine Revolutionäre. Und es ist heute nicht sehr anders, und ich bin auch eine Revolutionäre. Aber ich will mich nicht nur für eine Rasse einsetzen – ‹All lives matter›, nicht bloss ‹Black lives matter› [«Schwarzes Leben zählt» ist eine aktuelle Bürgerrechtsbewegung]. Ich will mich nicht runterziehen lassen von Wut und Negativität, das bringt nichts ausser Schmerz, und Schmerz habe ich genug gehabt im Leben.»

«In jedem Interview, nehme ich an, wirst du auf deine Mutter angesprochen – ist das hart?» – «Nein, ich bin die Tochter von …, du bist der Sohn von … Wir alle sind Töchter und Söhne von … Ich habe meiner Mutter auf ihrem Sterbebett gesagt: ‹Hab keine Angst, ich werde dafür sorgen, dass man dich nicht vergisst.› Ich war Mitproduzentin von ‹What Happened, Miss Simone?› [Filmbiografie von 2015]; ohne meinen Mann und mich gäbe es den Film nicht. Es hat zehn Jahre gedauert, das richtige Team zu finden, um die Geschichte so zu erzählen, wie wir sie sehen. Und ich hab mich und meine Karriere aufgegeben. Aber ich hab, verdammt noch mal, mein Versprechen gehalten. [«What Happened, Miss Simone?» war nominiert für einen Academy Award, einen Oscar, als bester Dokumentarfilm und erhielt verschiedene wichtige Auszeichnungen.] Und jetzt bin ich wieder auf meiner eigenen Reise – ich liebe es. Und hab’s verdient.»

Ihr liebstes Restaurant: Le Nilaja, 17, rue de la Forge Royale, Paris, Tel. +33 1 43 73 53 15