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DJ Antoine

MARK VAN HUISSELING über…

DJ ANTOINE

Er ist der vielleicht bestverkaufende Schweizer Produzent elektronischer Musik. Das reicht ihm nicht mehr.

An einem Abend im Juni war die Welt nach Oberwil gekommen respektive gefahren – mehrere Bentleys parkten vor einem ortsüblich unauffälligen Haus. Vor dem Eingang lag ein roter Teppich und befand sich eine Fotowand mit Reklameaufschriften. Das Haus, bei dem es sich um den frischrenovierten ehemaligen Polizeiposten handelt, gehört dem wahrscheinlich berühmtesten Neuzuzüger: Antoine Konrad. Der Discjockey, Musikproduzent und, neuerdings, Lifestyle-Unternehmer verlegte seine Büros dorthin. Und während im fünf Kilometer entfernten Basel die Art, die wichtige Kunstmesse, stattfand, lud er Gäste in seine Pop-up Gallery «Backstage». Um ihnen Art und Kulinarik auf hohem Niveau zu bieten, stand im Einladungstext.

Das Abendessen im Garten begann gegen 22 Uhr – was es wohl zum spätesten Dinner des Quartiers machte. Weniger, weil es fashionably late sein sollte, mehr, weil die Showblocks, die zuvor stattfanden, ihre Zeit gedauert hatten – erst wurden Gemälde eines ungarischen Künstlers mit Namen Attila Adorjan vorgeführt, die der Gastgeber für zirka 10 000 Franken je Bild verkauft; danach Uhren von Carl F. Bucherer, deren Markenbotschafter der Gastgeber ist, schliesslich wurden verschiedene Sorten von Konrad Wines degustiert, die der Gastgeber vermarktet.

Egal, die Nacht war jung, die Gäste fühlten sich ebenso (darunter Sébastien Le Page, dem der Polo Park & Country Club in Seuzach gehört; Karin Lanz und Aurélie Sulzer (Ex-Wolfensberger), die früher oft in Zürich ausgingen, oder Francesco Ciringione, Verleger von Gratiszeitschriften in Muttenz); Champagner und «Le Roi des Caves»-Rotwein von Konrad Wines flossen; knuspriger Entensalat, Madagaskar-Crevetten oder «Black Angus Prime Beef» vom Restaurant «Hato» aus Zürich schmeckten. Bei den Tischen, nebenbei, parkte ein weiterer Bentley; die Autos waren von einem Händler aufgestellt worden.

Doch was kein Thema war während des ganzen Events, war Musik. Nicht mal einen Hinweis auf Antoines neuste Produktion und nächsten möglichen Hit («Du und Ig» von Alex Costanzo & Ant1, am 14. Juli erschienen) gab’s.

DJ Antoine (Ant1) Backstage

Tierpfleger im Zoo: DJ und Popstar Antoine Konrad, 42, Postgalerie Karlsruhe, 25. März 2017 (Bild: Nathan Beck für die Weltwoche).

 

DJ Antoine der erfolgreichste Schweizer Musikproduzent

Antoine «DJ Antoine» oder «Ant1» (gesprochen «Ant-one») Konrad ist der international erfolgreichste Schweizer Musikproduzent. Sagt er. Was nicht nahelegen soll, die Aussage stimme nicht. Sie lässt sich bloss schwer prüfen – Tonträgerverkaufszahlen sind wegen Musik-Downloads nicht mehr sehr aussagekräftig, Projekte mit anderen Musikern, Live- Shows et cetera machen die Geschichte noch unübersichtlicher. Gesichert ist, dass Antoine in unserem Land zuvorderst dabei ist im Geschäft mit elektronischer Musik. Zudem über die Landesgrenzen hinaus gefragt: Im Sommer tritt er jedes Wochenende in Italien, in Rimini zum Beispiel, oder Spanien, Lloret de Mar etwa, auf, wo auch Schweizer Ferien machen. In den vergangenen rund zwanzig Jahren hat er etwa dreissig Alben herausgebracht und dafür über siebzig sogenannte Gold- Awards (Auszeichnung für hohe Verkaufszahlen) bekommen, genau kann er das selber nicht sagen, ohne zu recherchieren.

Antoine und ein halbes Dutzend Flaschen Dom Pérignon

Dennoch diversifiziert er seit einiger Zeit: als Lifestyle-Unternehmer – er hat dazu die Firma Konrad Lifestyle Holding gegründet – und als Anleger in Immobilien. Den Handel mit Kunst und Möbeln sowie Wein sieht er als «voll seriösen Zukunftsplan», aber auch als «voll lässig». Er bietet beispielsweise Inneneinrichtungen an; er hat sich dafür mit Theo Eichholtz, einem niederländischen Interior-Designer, zusammengetan. Und er kooperiert mit Weinproduzenten, die für ihn «Limited» und «Premium Editions» herausbringen, um deren Verkauf er sich dann kümmere. Zur Hauptsache gehe es darum, dass Kunden ein Stück seines, Antoines, Lifestyles kauften. Wie bei jeder Marke also. Und er sagt, dass die Musik für ihn zwar noch nicht ausgespielt habe, er wolle bestimmt noch mal fünf Jahre Gas geben, «aber mit fünfzig oder sechzig will ich nicht mehr regelmässig DJ sein».

Mit 42 aber, so sieht’s aus, hat er noch Spass am wochenendlichen Leben eines DJs. In einer Samstagnacht dieses Frühjahrs zum Beispiel war er Headliner einer Party in der Postgalerie, der «Top-Adresse für Erlebnis-Shopping und Freizeitgestaltung» in Karlsruhe (Eigenreklame). Mit kleinem Gefolge – zwei seiner sieben Mitarbeiter – fuhr er in einem grossen Auto, einem weissen Cadillac Escalade, von Basel 200 Kilometer zur zweiten Stadt Baden-Württembergs. In der Backstage, untergebracht in einem 300 Schritte entfernten Bürohaus, lagen ein halbes Dutzend Flaschen Dom Pérignon auf Eis, in seinem rider (Anforderungskatalog für Auftritte) werden zwar bloss drei verlangt – «der Veranstalter war wohl happy», sagt Antoine.

Auf dem Weg zum Veranstaltungsort, der an seinem Wagen vorbeiführte, liess er sich fotografieren mit Passanten (und seinem Auto). In der Postgalerie schliesslich, wo ein DJ die 2000 jungen Besucher unter anderem mit DJ-Antoine-Hits angewärmt hatte, wurde er stufengerecht empfangen – Schreien, Applaudieren sowie Drehen der Körper zum DJ-Pult respektive dem Popstar dahinter. Und er gab dem Publikum, ach was, den Fans, was sie wollten: Hits, ein paar neue Songs, die ähnlich tönen wie die alten, für mich zumindest, sowie eine Show, die den Auftritt vieler Plattenleger übertrifft. Nach kurzer Zeit bereits hüpfte er auf den Umbau der Musikanlage, zeigte seine in allen Farben des Regenbogens schillernden Turnschuhe sowie den Rest von sich selber. Dann warf er den Tanzenden DJ-Antoine-Mützen und -Leibchen mit Autogramm darauf zu wie ein Tierpfleger den Seehunden im Zoo Fische, nachdem diese Kunststücke vollbracht hatten.

Mehr noch als mit Musikveröffentlichungen ist er mit Auftritten reich geworden. Sagt wiederum er, aber nicht nur er. In der Zeitschrift Bilanz stand, er habe schätzungsweise fünf bis zehn Millionen Franken Vermögen, an anderer Stelle, er verdiene 500 000 Franken jährlich. Beides kann nicht stimmen – entweder ist das Einkommen höher oder das Vermögen niedriger. Sonst hätte er keine Steuern zahlen und fast nichts zum Leben ausgeben können. Was bei ihm, obwohl er sich als «Pionier des Sich-sponsern-Lassens» in der Schweiz bezeichnet, nicht ins Bild passt. Und er hätte zudem mindestens so gut wie Warren Buffett investieren müssen …

Er sagt, er verdiene rund 20 000 Franken je Auftritt (Quelle: Die Zeit). Das scheint, verglichen mit Gagen von DJs, die diese offenlegen, ein sehr hoher Betrag. Auch rechnerisch geht’s schwer auf, wenn man etwa die Show in Karlsruhe nimmt, wo die Einnahmen aus 2000 Eintritten zu 15 Euro, was ein in Europa üblicher Preis ist, 30000 Euro erreichten. Meine entsprechenden Fragen beantwortete er ausweichend, zum Einkommen sagte er: «Das wetsch gärn wüsse» (wir sind miteinander bekannt; ich habe für ihn Kommunikationsdienste geleistet). Und die Bilanz-Vermögensschätzung war ihm zu tief – «Sagen wir: Es dürfte ein bisschen mehr sein»

Ein Edelstein für den DJ

DJ Antoine und das Geld – untrennbar verbunden wie Joseph S. Blatter und Korruption. Zum einen, weil sich über seine Musik nicht so viel schreiben lässt. Er macht Electronic Dance Music, und EDM ist die kommerziellste Stilrichtung der elektronischen Musik. Profikritiker urteilen meist streng über sein Werk, weil es ihnen zu flach, zu berechnet beziehungsweise zu stark auf den kleinsten gemeinsamen Nenner des Geschmacks der Masse ausgerichtet ist. Was möglicherweise zutrifft, aber unoriginell ist. Wie wenn man Helene Fischer vorhält, PJ Harveys Œuvre sei künstlerisch interessanter und die alternative Rockerin ohnehin cooler als die Schlagersängerin. Da gibt sich Antoine schmerzfrei. Seine Produktionen seien handwerklich top, argumentiert er. Und zweitens: «Wenn du kommerziell erfolgreich bist, aber die gewisse Coolness, die Daft Punk oder Pharrell Williams haben, nicht hast, wirst du die auch nie bekommen. Das zu ändern, wird dir nicht gelingen» (Quelle: Weltwoche).

Doch der Hauptgrund dafür, dass es zwingend um Geld geht, wenn’s um ihn geht, ist seine Art der Selbstdarstellung. Diese erinnert mehr an afroamerikanische Rapper als an Schweizer oder, mangels genügend solcher, europäische EDM-Produzenten.

Er wuchs im Basler Bruderholz-Viertel auf, in einfachen Verhältnissen, sagt er, im gemieteten Reihenhüsli; der Vater war Hochbauzeichner, die Mutter bilanzsichere Buchhalterin. Antoine absolvierte das KV in einer Speditionsfirma, arbeitete danach ein Jahr für eine Werbeagentur und machte sich selbständig mit neunzehn. Er war schon als Junge beeindruckt von Reichtum und grossem Auftritt; früh war er auch grossgewachsen – er misst 1,95 Meter –, doch auf grossem Fuss leben konnte er noch nicht. Mit achtzehn durfte er sich was wünschen, hatten die Eltern doch der Schwester, die Blockflöte spielt und Musiklehrerin wurde, die längste Zeit Instrumente und Lektionen bezahlt. Er wollte einen Edelstein, den grössten, den’s gab fürs Budget. Heute hat er eine Sammlung, versteht was von Steinen und spricht viel darüber. Bevorzugt über Schnäppchen, die er zum Beispiel im Mittleren Osten mache, sagt er.

Auch seine anderen Wünsche sind in Erfüllung gegangen. Wer zu den 60 000 Leuten gehört, die ihm auf Instagram, einem sozialen Netzwerk, folgen, erfährt, was er treibt – Bilder zeigen ihn entweder glücklich oder nachdenklich, oft eine Zigarre oder ein Glas Champagner haltend, am Pool seines Landhauses im Burgund oder in irgendeiner VIP-Lounge irgendwo. Die Bildunterschriften verbreiten Botschaften wie «Es ist ein toller Tag», «Meine Stimmung heute: loco[verrückt]» oder «Gott, wie gut’s mir geht und was ich alles hab – danke» (er glaube an Gott, sagt er). Manchmal sieht man auch seine Freundin, Laura Zurbriggen; mit dem neunzehn Jahre jüngeren Model/der Modeverkäuferin aus Zermatt ist er seit zirka zwei Jahren zusammen; sie wohnen getrennt – er in Therwil, sie in Bern. Oft sieht man sie allerdings nicht – «Ant1» ist der Star seines Films, und in dem gibt es keine zweite Hauptrolle. Was marketingtechnisch vermutlich richtig ist. Ihn aber nicht sympathischer macht. Mit seinem Sohn Sebastian, der bei der Mutter lebt und sich bereits für modische Kleidung und teure Uhren interessiert, verbringt er regelmässig Zeit; Sebastian findet, sein Vater sei eine Riesennummer, hat er mir gesagt während eines Dinners. Also hat der auch in dieser Beziehung was richtig gemacht – der Sohn ist siebzehn.

Antoine Konrad – Unternehmer mit Kunst, Möbeln und Wein

Antoine beansprucht es für sich, im Mittelpunkt zu stehen. Wenn er niest und ihm keiner aus dem Gefolge «Gesundheit» wünscht, sagt er, leicht verschnupft, «Merci» ins Stille. Er sieht sich als stilsicher, stilprägend wohl sogar. Drum ist der Schritt zum Lifestyle- Unternehmer, der sich und seine Welt als Marke weiter kommerzialisieren kann, ein naheliegender. Für ihn wenigstens. Connaisseur und Geniesser Konrad will in Zukunft mit Kunst, Möbeln, Wein und seinem Eventlokal, in dem auch seine Büros sind, mehr Geld verdienen. Weitere Betätigungsfelder können und sollen dazukommen. Seine Kunden sind idealerweise reich. Was im Grunde die richtige Zielgruppe ist; Antoine zielte schon als DJ immer dorthin, wo was zu holen ist.

Das waren allerdings nicht Reiche, sondern das war die Masse. Drum kann man, was seine Zweitlaufbahn angeht, zu Zweifeln neigen: darüber, ob die neue Potenzialkundschaft seinen Lifestyle so sexy findet wie er, beispielsweise. Dass er ein Vorbild ist für Junge, die aufsteigen wollen, ist leicht vorstellbar; Leute, für die mehr mehr ist, beeindruckt er sicher. Doch für die, die schon älter und weiter oben sind, werden andere Werte begehrlicher. Wenn der leise Auftritt den lauten schlägt, wenn Luxus ist, nicht anschreiben zu müssen «Vorsicht: teuer!», dann ist Antoine Konrad nicht der erste Anbieter, der einem in den Sinn kommt.

Ob er bald nach Zürich ziehe, wo die Dichte von Reichen und möglichen Kunden seines Lifestyle-Unternehmens am höchsten sei, fragte ich ihn, als wieder ein Oberwiler bei den vor seinem Bürohaus geparkten Bentleys stehen blieb und über den Zaun in den Garten sah, wo scheinbar Bewohner der grossen Welt an langen Tischen sassen, fine Asian cuisineassen und Champagner tranken. «Ich muss nicht nach Zürich ziehen, ich bin angekommen», antwortete er. Man kann ihn sich auch mit fünfzig oder sechzig noch als DJ vorstellen, mit diesem Selbstbewusstsein.

Interview mit DJ Antoine

MARK VAN HUISSELING trifft… 

«DJ Antoine» Konrad

Die Deutschen, die richtig grossen Radios, sagen: ‹Endlich kommt er mit der neuen Single, wir wollen sie spielen.›

Hast du den Sommerhit 2014 bereits produziert?» – «Heute ist er herausgekommen – ‹Light It Up›.» (Das Gespräch fand statt vergangenen Freitagabend in der «Angels’ Bar» des Hotels «Radisson Blu» am Zürcher Flug­hafen.) «Und das wird der Sommerhit?» – «Das weiss ich nicht, aber es ist das erste Mal, dass ich ein Sample [Ausschnitt einer Musikaufnahme] in einem, in Anführungs- und Schlusszeichen, Hit habe – es ist ja ‹Tarzan Boy› drin, aber nur das Oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh. Pro Sieben ist mit einer Riesenkampagne in Deutschland eingestiegen, zum ersten Mal bei einem jüngeren Act; heute ist Premiere, in der Primetime.» – «Und am Radio wird das Stück auch gespielt?» – «In der Schweiz ist es so, dass sie [Musikchefs] nicht sagen: ‹Oh, wow, DJ Antoine, haben wir schon drauf gewartet . . .› Die Deutschen, die richtig grossen Radios, sagen: ‹Endlich kommt er mit der neuen Single, wir wollen sie spielen.›»

«DJ Antoine» Konrad, 38, ist House-Disc­jockey, Musikproduzent und Labelchef. Seinen internationalen Durchbruch hatte er 2011 mit der Single «Welcome to St. Tropez» (Wikipedia). Seinen nationalen Durchbruch oder – bitte die Formulierung entschuldigen – Durchfall hatte er einige Jahre zuvor. Was ich sagen will: Bei uns gehört es, vor allem unter Meinungsbildnern und anderen Leuten, die sich als Kenner von Popkultur verstehen (Ihren Kolumnisten eingeschlossen), zum guten Geschmack, ihn schlecht zu finden. Und zwar sowohl seine ­Musik (weil zu kommerziell) als auch seinen Auftritt (weil zu bling). Persönlich mag ich ihn – er ist fleissig, freundlich, smart, und man kann sich auf ihn verlassen. Ein Profi halt. Er lebt mit seiner Freundin, einem niederlän­dischen Model, in der Nähe von Basel; er hat aus einer früheren Beziehung einen Sohn.

Unsexiest place in Switzerland

«Du warst heute im Studio, in Olten, und nach dem Gespräch fliegst du nach Düsseldorf – nicht grad die Achse des Coolen.» – «Da muss ich widersprechen: Düsseldorf ist, fashiontechnisch und clubtechnisch, auf einem sehr hohen Level. An unsere letzte Party in der ‹Nachtresidenz› vor sechs Wochen kam, wenn das vielleicht auch nicht dein Genre ist, Paris Hilton. NRW [Nordrhein-Westfalen] ist kaufkraftmässig das stärkste Einzugsgebiet von ganz Deutschland.» – «Und heute Nacht legst du wieder auf in Düsseldorf?» – «Noch schlimmer, in Bochum. Dort gibt’s einen Club, ‹Prater›, der hat ein Fassungsvermögen von 5000 Leuten, ein Super-Laden. Und Olten – unsexiest place in Switzerland, aber gastronomisch top, zum Beispiel die ‹Traube› in Trimbach. Und im Studio, im Haus meines Partners, ist ‹Welcome to St. Tropez› entstanden und ‹Ma Chérie› und ‹Bella Vita›, im schrecklichen Olten.» – «DJ Bobo­ sagte, verkürzt, er sei künstlerisch Mittelmass, aber als Manager und Realisierer von Shows herausragend. Wie beschreibst du dich?» – «Ich bin der mit dem kommerziellen Gehör für den richtigen Hit, der weiss, wie man sich vermarkten muss und – brauchst du noch was Negatives?» – «Muss nicht sein.» – «Und endlosem Biss, an der Spitze anzukommen. Bobos Aussage ist selbstkritisch, aber es tönt, als wäre er bereits angekommen.»

«Oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh, oh»: Konrad; Discjockey, Musikproduzent, Labelchef; 38. Bild: Vera Hartmann

Der Augenblick für ein Upgrading deiner Musik?

«Zurzeit bringen zum Beispiel Pharrell Williams oder Daft Punk Tanzmusik-Welthits heraus, die Kritiker und das Publikum lieben – ­wäre das nicht der Augenblick für ein Upgrading deiner Musik?» – «Wenn du kommerziell erfolgreich bist, aber die gewisse Coolness, die Daft Punk oder Pharrell Williams haben, nicht hast, wirst du die auch nie bekommen. Das zu ändern, wird dir nicht gelingen, du kannst es nie allen recht machen. Daft Punk, Pharrell oder auch Yello haben einfach von Anfang an diese Schiene erwischt, bewundernswert. Das würde ich nicht hinbekommen. Und das will ich auch gar nicht. Ich kann nicht sagen: ‹Stoppen wir – und werden elektronisch, intellektuell.›»

«Es gibt auch Schweizer DJs, die werden von Kritikern für gut gefunden – und verdienen ganz hohe Gagen, Luciano etwa.» (Lucien «Luciano» Nicolet aus Genf, angeblich 30 000 bis 70 000 Euro je Auftritt.) «Das ist ein Phänomen – wenn du auf der Strasse fragst, den kennt kein Mensch. Und was er musikalisch macht, finde ich speziell, eigentlich den House von vor zwanzig Jahren. Aber was mir Spass macht: wenn das Publikum meine Songs mitsingt. Das war mein Ziel.» – «Du bist von Anfang an aufgetreten, wie wenn du schon der Pop- oder Rap-Star wärst. Hat das deiner Laufbahn geschadet?» – «Es gibt Momente, wenn ich zurückschaue, in denen ich finde, das war vielleicht ä bitz too much. Aber das ist meine Art, ich könnte nicht bescheidener tun. Weil mir das Spass macht.»

Sein liebstes Restaurant: «‹Wine Loft› und ‹Da Angela›.»«Caduff’s Wine Loft», Kanzleistrasse 126, Zürich, Tel. 044 240 22 55.«Da Angela», Hohlstrasse 449, Zürich, Tel. 044 492 29 31.

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Interview mit Carlos Leal

MARK VAN HUISSELING über… 

Carlos Leal

Was ist deine persönliche Priorität, ­Musik oder Film und Fernsehen?» (Wir sind nicht bekannt miteinander, reden aber, wie immer, wenn ein Deutschschweizer und ein Romand sich treffen, Englisch, drum das Du.) «Im Augenblick bin ich meine Priorität. Herausfinden, wer ich bin. Und das ist ein grosser Job; für einen Schauspieler ist es auch ein Fortschritt, wenn man das tut.» – «Wolfgang Joop hat einmal gesagt: ‹Selbstsuche und dieser ganze Quatsch… Es ist recht ­ernüchternd, wenn man merkt: Da ist gar nichts.›» – «Ha, ha, ich liebe diesen Satz. Ich denke nicht, dass ich meine Zeit vergeude, es ist auch kein 100-Prozent-Pensum. Ich bin beschäftigt als Schauspieler, das ist meine Priorität. Ich habe Arbeit, gute Arbeit, also muss ich glücklich sein. Und in meinem richtigen Leben, ­privaten Leben, werde ich erwachsen. Manchmal ­helfen mir meine Charaktere, die ich spiele, dabei.

Die Unsicherheit zum Freund machen

»Carlos Leal, 43, aus Renens bei Lausanne, ist Schauspieler («Snow White», «Casino Royale» [Nebenrolle], «Sennentuntschi»). Ausserdem Musiker, mit der Hip-Hop-Gruppe Sens Unik nahm er mehrere gut verkaufende Alben auf. Der Sohn spanischer Einwanderer ist verheiratet mit einer belgischen Schauspielerin/Schauspiellehrerin, sie haben einen Sohn. Nach ­längerer Zeit in Madrid lebt er seit einigen ­Jahren in Los Angeles. Dieses Gespräch fand in einem Zürcher Hotel statt, wo er zurzeit wohnt (er spielt in Folgen der Serie «Der Bestatter», die 2014 von SRF gezeigt werden).

«‹Schauspieler gedeihen durch das Auf und Ab ihrer Laufbahn, und durch viele falsche Hoffnungen sowie gelegentliche Erfolge›, schreibt der Schriftsteller Justin Cartwright.» – «Ja, ich bin einverstanden.» – «Interessant, dass man gedeihen kann, wenn es abwärtsgeht. Ist Sicherheit wichtig für dich?» – «Es ist so: Als Künstler muss man annehmen, dass ­einen Unsicherheit begleiten wird durchs ­Leben. Man muss sie zum Partner machen, zum Freund, sonst wird sie der Feind. Und wenn Unsicherheit der Feind ist, muss man aufhören. Letztes Jahres hatte ich eine Zeit der Leere als Schauspieler. Also habe ich wieder angefangen, Liedertexte zu schreiben, daraus wurde ein Musikprojekt . . . So, wenn Unsicherheit an meine Türe klopft, bekomme ich Angst. Und daraus die Kraft, etwas Neues zu machen.»

Interview mit Carlos Leal

Schauspieler und Musiker Leal, 43, in Los Angeles. Bild: Serge Hoeltschi (13 Photo)

«Das Ego ist eine Gefahr für einen Künstler.» – Carlos Leal

«Noch ein Zitat [und eine lange Frage]: ‹Sie waren ein Künstler, jetzt sind Sie bloss noch ein Genie›, soll Braque zu Picasso gesagt haben. Früher hast du gespielt in ‹Snow White›, ­‹Casino Royale›, hast die Musik zum Mathieu-Kassovitz-Film ‹La Haine› gemacht; jetzt spielst du in diesem Yangzom-Brauen-Film und im ‹Bestatter› und bist der lustige Mann in der UPC-Cablecom-Reklame . . .» – «Ah, ­erstens, ich liebe und respektiere Genies, und ich kenne ein paar – ich bin nicht sicher, ob ich je so gross sein werde neben ihnen [hält die Hand vierzig Zentimeter über den Boden]; aber ­wenigstens bin ich mir dessen bewusst. Man muss eine Karriere langfristig sehen, ich weiss, was ich tue. Was ich im Augenblick in Hollywood tue [er zeichnet Anführungszeichen in die Luft vor und nach ‹Hollywood›], hilft mir in der Schweiz, in Europa. Ich bin kurz davor, ein Riesenprojekt anzufangen, ein europäisches Projekt. Und das nur, weil ich irgendwann aus der Schweiz weggegangen bin. Seit drei Jahren bin ich ein working actor, ich bin in the matrix; es gibt viele, die keine Arbeit haben. Meine ­Karriere ist im Moment im Übergang. Den ‹Bestatter›, übrigens, finde ich eine gute, eine richtig gute TV-Serie; es macht mich stolz, dass man mich anfragt, wenn eine solche Produk­tion gemacht wird in der Schweiz.»

«Ich denke, als Schweizer in Hollywood hat man es noch schwerer, was das Urteil von Journalisten und Beobachtern angeht, seit viele Misses Schweiz plus Nomi Fernandes . . .» – «Wer?» – «. . . ein sogenanntes ‹Glamour-Model› – nett im Grunde, problematisch vom Entwurf her –, nach Hollywood gingen, um berühmt und reich zu werden.» – «Als Schauspieler muss man Distanz haben zur Sicht der Landsleute, sich loslösen von ihren Erwartungen. Ich kann das nicht auf meinen Schultern tragen, es geht mich nichts mehr an. Und sie sind nicht die, die meinen Kühlschrank füllen.» – «In der Schweiz bist du aber bekannt, berühmt vielleicht, und oft in Zeitungen, Zeitschriften . . .» – «Mein Problem: Ich hasse Mittelmass. Doch manchmal mache ich was Mittelmässiges, ich weiss nicht, wieso . . . Der Betrieb ist eine ­Maschine, man kann das nicht kontrollieren. Das Ego ist eine Gefahr für einen Künstler.» – «Aber auch notwendig.» – «Ja, genau wie die Unsicherheit.»

Sein liebstes Restaurant : «Le Verre Volé»; 67, rue de Lancry; Paris (dixième arrondissement), Telefon +33 1 48 03 17 34.

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Interview mit Lisa Simone

MARK VAN HUISSELING trifft…

Lisa Simone

Lisa Simone; Ihre Mutter Nina Simone kennt man, auch wegen ihr. Aber wer ist sie?

Wie fühlst du dich, retour in der Schweiz [sie war im Internat La Châtaigneraie in Founex] und nach deinem Auftritt am Montreux Jazz Festival?» – «Wow, es war ein Traum für mich – ich hatte ein Poster vom Konzert meiner Mutter von 1976 in Montreux, und ich hab mir immer vorgestellt, wie es wäre, wenn ich einmal hier singen dürfte … Gestern Nacht ist dieser Traum wahr geworden, es war zauberhaft, weisst du. Es ist wie eine Wiederauferstehung, seit ich nach Europa gezogen bin. Dinge, die gut sind für mich, passieren in meinem Leben.» – «Fühlst du dich wohl im Haus deiner Mutter und in Frankreich [sie lebt seit drei Jahren in der Nähe von Marseille, wo ihre Mutter 2003 gestorben ist]?» – «Es gibt überall, wo man sich niederlässt, Schwierigkeiten – für alles Wundervolle im Leben zahlt man einen Preis. Also musst du rausfinden, ob es für dich wertvoll genug ist. Ich finde, ich gehöre nach Frankreich, ein Teil meiner Seele fühlt sich dort zu Hause. Ich schlafe jetzt dort, wo meine Mutter starb – ich musste meinen Frieden mit ihr finden, das ist mir gelungen durch Meditation. Und weil Zeit tatsächlich alle Wunden heilt.»

Schwierige Kindheit

Lisa Simone ist eine amerikanische Sängerin und Broadway-Schauspielerin. Sie hatte eine schwierige Kindheit und Jugend, weil, vereinfacht gesagt, ihre Mutter Nina Simone – die Musikerin und Bürgerrechtlerin – die Gestaltung ihres Lebens und ihrer Laufbahn nicht dem Kindswohl anpasste. Lisa reiste etwa als kleines Mädchen mit an Auftritte der Mutter auf der ganzen Welt oder verbrachte Monate in der Obhut verschiedener Mitarbeiter, wenn Nina auf Tour war. Als Lisa zwölf war – zu dieser Zeit verlor Nina Simone «ein wenig den Bezug zur Realität» (Wikipedia) –, folgte sie ihrer Mutter zuerst nach Liberia, dann nach Senegal. Nächste Station auf Nina Simones Lebensweg war Lausanne, wo Lisa in ein Internat kam, das Claude Nobs empfohlen hatte. Mit dreizehn besuchte sie für ein paar Tage ihren Vater in Amerika, um ihm mitzuteilen, dass sie nicht zur Mutter zurückgehe. Mit achtzehn trat sie der amerikanischen Luftwaffe bei, zuerst war sie in Frankfurt stationiert, während des ersten Golfkriegs leistete sie Dienst im Irak, sie war beim Flugzeugunterhalt eingeteilt. Anschliessend begann sie als Musicaldarstellerin zu arbeiten (sie hatte in der Jugend in verschiedenen Schulen Gesang erlernt) und als Sängerin; sie hat zwei Alben veröffentlicht. Lisa Simone ist verheiratet, hat drei erwachsene Söhne und eine siebzehnjährige Tochter, die mit ihrem Mann in New York lebt. Dieses Gespräch fand statt vor ihrem Auftritt am Festival da Jazz in St. Moritz.

Lisa Simone Interview

«Auch eine Revolutionäre»: Musikerin und Schauspielerin Simone. (Bild: Christopher Pledger (Eyevine))

«‹All lives matter›, nicht bloss ‹Black lives matter›» – Lisa Simone

«In Amerika verschlechtert sich zurzeit das Verhältnis vieler Schwarzer zu den Weissen, vor allem zur Polizei – wie siehst du’s?» – «Diese Probleme waren immer da. Ich kenne mich aus mit der Mentalität von Uniformierten – mein Vater und seine Brüder waren Polizisten in New York, ich war elf Jahre im Militär … Es gibt viele Leute, die ihre Privilegien missbrauchen. Andererseits ändern sich Dinge, und dann gibt es Aufruhr. Aber im ‹land of the free and home of the brave› [Land der Freien und Zuhause der Tapferen; Zeile aus der Nationalhymne Amerikas] ist noch viel zu tun. Meine Mutter wusste es, sie war eine Revolutionäre. Und es ist heute nicht sehr anders, und ich bin auch eine Revolutionäre. Aber ich will mich nicht nur für eine Rasse einsetzen – ‹All lives matter›, nicht bloss ‹Black lives matter› [«Schwarzes Leben zählt» ist eine aktuelle Bürgerrechtsbewegung]. Ich will mich nicht runterziehen lassen von Wut und Negativität, das bringt nichts ausser Schmerz, und Schmerz habe ich genug gehabt im Leben.»

«In jedem Interview, nehme ich an, wirst du auf deine Mutter angesprochen – ist das hart?» – «Nein, ich bin die Tochter von …, du bist der Sohn von … Wir alle sind Töchter und Söhne von … Ich habe meiner Mutter auf ihrem Sterbebett gesagt: ‹Hab keine Angst, ich werde dafür sorgen, dass man dich nicht vergisst.› Ich war Mitproduzentin von ‹What Happened, Miss Simone?› [Filmbiografie von 2015]; ohne meinen Mann und mich gäbe es den Film nicht. Es hat zehn Jahre gedauert, das richtige Team zu finden, um die Geschichte so zu erzählen, wie wir sie sehen. Und ich hab mich und meine Karriere aufgegeben. Aber ich hab, verdammt noch mal, mein Versprechen gehalten. [«What Happened, Miss Simone?» war nominiert für einen Academy Award, einen Oscar, als bester Dokumentarfilm und erhielt verschiedene wichtige Auszeichnungen.] Und jetzt bin ich wieder auf meiner eigenen Reise – ich liebe es. Und hab’s verdient.»

Ihr liebstes Restaurant: Le Nilaja, 17, rue de la Forge Royale, Paris, Tel. +33 1 43 73 53 15

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Interview mit Tony Prince

MARK VAN HUISSELING trifft…

Bei «Radiopirat und Geschäftsmann» denkt man an jemand anderen – bei uns jedenfalls.

Ich hätte unsere Verabredung fast verschieben müssen, weil ich aus Ibiza komme und der Flieger Verspätung hatte …» – «Sie waren auf Ibiza? Mein Sohn lebt dort.» – «… soviel ich weiss, sind Sie selber oft dort.» – «Ja, ich hatte oft dort zu tun; es ist ein gutes Leben, wenn man es sich ermöglichen kann.» – «Ja, ja. Mein Eindruck, ganz allgemein: Radiostationen stecken in Schwierigkeiten, überall, Disc Jockeys haben Erfolg.» – «Das ist nett ausgedrückt.» – «Sind Sie einverstanden?» – «Ja. Der Grund ist, dass die Musikwelt überbevölkert ist. Und Musik ist so einfach zu bekommen, man kann sie downloaden und so weiter. Ich war in Los Angeles, traf einen Freund und fragte seine 15-jährige Tochter, was sie für Radiostationen höre. Sie sagte: ‹Ich höre kein Radio.› Unglaublich.» – «Hört sie denn Musik?» – «Sie hört viel Musik, und ich fragte: ‹Wo findest du deine Musik?› Sie antwortete, ihre Freunde finden sie, die wüssten, welche Musik sie möge.»

Tony Prince, geboren Thomas Whitehead in Oldham bei Manchester, 69, ist ein Radio Disc Jockey (bei uns: Moderator) und Geschäftsmann (Wikipedia). In den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts hörte man ihn auf Radio Luxembourg und Caroline; Caroline war ein sogenanntes Piratenradio, das von einem Schiff in der irischen See sendete. Der Film «Radio Rock Revolution» (von Richard Curtis, mit Philip Seymour Hoffman, Bill Nighy) erzählt zum Teil die Geschichte. Danach gründete er das Magazin Mixmag, die Klub-Kultur-Bibel (Eigenreklame); er verkaufte es später an den britischen Medienkonzern Emap International für damals acht Millionen Pfund. Dieses Gespräch fand statt, als er wegen des International Radio Festivals in Zürich war.

«DJs in Nachtclubs sollen aufhören, nach jedem Lied zu sprechen» – Tony Prince

«Was raten Sie Radiochefs, damit sie im Geschäft bleiben?» – «Zurück zum Start: es braucht DJ-Persönlichkeiten. Erinnern Sie sich an Radio Luxembourg? Jeder DJ war eine Persönlichkeit. Heute hört man das bloss noch in Morgenshows, allerdings reden diese DJs zu viel, finde ich. Die Zukunft ist, so sieht’s aus, Internet-Radio; das Radio als Gerät, wie wir es kennen, ist wohl bald vorbei, sogar im Auto.» – «An den DJ als Geschäftsmodell glauben Sie aber, nicht wahr?» – «Ja. Heute ist zwar jeder ein DJ, schon Kinder machen Mixtapes in ihrem Zimmer. Aber weil es so unglaublich viel Musik gibt im Internet, braucht es professionals, die die Musik finden für einen, die man hören will. Und deren Stimme, Haltung oder Humor man mag. Oder DJs, die man mag, weil sie nicht reden – ich war Programmdirektor von Radio Luxembourg und bekam ein Band zugeschickt, das war 1981, auf dem der DJ nicht sprach. Zuerst dachte ich: ein Spinner. Doch dann stellte ich ihn an und wir wurden Mix-Pioniere mit DMC [Disco Mix Club, eine Show auf Radio Luxemburg], und in meiner Zeitschrift Mixmag predigte ich, DJs in Nachtclubs sollen aufhören, nach jedem Lied zu sprechen, was normal war, weil sie Radio-DJs nachmachten. Wir bekamen haufenweise Anfragen, alle wollten DJs, die nicht reinredeten. Heute ist das normal, kein Club-DJ redet mehr, und jeder ist auch ein Produzent. Doch ich glaube, auch Radio-DJs können wieder Könige sein.»

Young Tony Prince and Cliff Richard

«Roger Schawinski?»

«Gibt es eigentlich noch Piratenradios in London? Eine Zeit lang gab es viele solche.» – «Ja, die gibt es noch.» – «Weshalb betreibt heute einer ein illegales Radio in einem Keller, wenn er es über das Internet verbreiten kann, was erlaubt ist?» – «Ich weiss es nicht, ich glaube, es ist ein Hobby, und ich weiss nicht, ob jemand diese Sender hört. Es ist schon schwer genug, für legale Radiostationen Hörer zu finden.» – «Haben Sie den Namen Roger Schawinski schon einmal gehört?» – «Nein.» – «Er hat, unter anderem, das Piratenradio in der Schweiz erfunden.» – «Wann war das?» – «Ungefähr 1979.» – «Yeah, well, Radio Caroline begann 1964. Ich muss aber sagen, das erste Piratenradio war, soviel ich weiss, ein schwedisches. Von denen hatte Ronan O’Rahilly [Radio-Caroline-Gründer] die Idee.» – «‹Ich kann Oldies nicht mehr hören›, war die Überschrift eines Interviews mit Ihnen [Newsnetz], tatsächlich?» – «Ich denke, das war wohl ein Übersetzungsfehler. Was ich gesagt habe: Ich bin nicht in der Vergangenheit hängengeblieben mit meinem Musikgeschmack … Das ist etwas anderes. Ich höre immer noch viel von Elvis zum Beispiel.» – «Können Sie sagen, von welchem Künstler Sie zuletzt ein Album oder eine Single gekauft haben?» – «Nein, kann ich nicht. Ich höre viel neue Musik auf BBC Radio 6 Music.»

Tony Princes Lieblingsrestaurant

«‹The Cliff› [Derricks, St. James, Barbados, Telefon +1 246 432 1922], magic, magic. Das war eine einfache Frage.» – «Viele Leute finden das die schwerste Frage.» – «Tolles Interview, wie wenn Sie mich in Ihrem Wohnzimmer befragt hätten.»

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Nile Rodgers Interview

MARK VAN HUISSELING trifft…

Nile Rodgers

Ein Gespräch mit einem Popstar, der so ziemlich alles er- und überlebt hat.

Ich hab fünf einfache Fragen an Sie.» – «Okay, ich hab fünf schwierige Antworten.» – «Gut, das wird meine Sorte Interview. Wie schreibt man einen Superhit?» – «Ach, ich weiss nicht. Ich bin der schlechteste Songschreiber der Welt, aber ein ziemlich guter ­re­writer. Üblicherweise, wenn ich eine Idee ­habe, ist es eine verrückte Idee.

 

Doch dann überarbeite ich sie und überarbeite sie und überarbeite sie. Und dann wird daraus ‹Get Lucky›.» (Ein Funk-Disco-Stück der französischen House-Formation Daft Punk und des amerikanischen Sängers/Rappers Pharrell Williams, geschrieben von Nile Rodgers und Thomas Bangalter; «Bester Song des Jahres 2013», Laut.de; Platz eins der Charts in Deutschland, Grossbritannien oder der Schweiz, Platz zwei in Amerika.) «Wie schreibt man keinen Superhit? Was ich fragen will: Merken Sie: ‹Toller Song, aber es wird kein Hit›?» – «Ich veröffentliche keine Platte, die ich nicht mag. Das zeigt, dass, manchmal, mein Urteil, mein spirit, künstlerisches Ohr, nicht übereinstimmt mit dem des Publikums. Bloss, wenn’s um das Vermarkten geht, ist Prio­rität Nummer eins: Repetition. Ist ein Song nicht im Radio, kann er fantastisch sein, doch er wird kein Hit. Wenn man ‹Like a Virgin› nicht hört, wird’s kein Hit [er war verantwortlich für die Produktion des Songs und das Album von Madonna].»

Interview mit Songwriter Nile Rodgers

«Schlechtester Songschreiber der Welt»: Komponist, Musiker und Produzent Nile Rodgers, 65.

Nile Rodgers, 62, ist ein amerikanischer Musikproduzent, Musiker und Komponist. 1976 gründete er die Gruppe Chic, die zahlreiche Hits hatte («Le Freak», «Everybody Dance» oder «Good Times») und stilprägend war für die Musikrichtung Disco. Er war auch als Produzent gefragt; arbeitete etwa für Diana Ross, Duran Duran, Madonna, Grace Jones, Mick Jagger oder David Bowie. Während der 1970er, 1980er und bis in die 1990er Jahre war er heroinsüchtig. Rodgers lebt in New York.

Nile Rodgers “Get Lucky”

«Sie bekamen eine Krebsdiagnose vor ein paar Jahren . . .» – «Vor drei Jahren genau.» – «Fanden Sie, das Leben sei unfair – Krebs jetzt, da Sie seit einiger Zeit gesund lebten, nachdem Sie zuvor lange gar nicht gesund gelebt hatten?» – «Ha, nein, ich fand überhaupt nicht, dass das Leben unfair sei. Ich dachte: ‹Ich kann’s nicht glauben, dass ich so lange ­gelebt hab.› Ich war wahrscheinlich in der Gruppe meiner Freunde, mit denen ich anfing, Musik zu machen – Luther Vandross [2005 gestorben], Bernard Edwards [mit dem er Chic ­gründete; 1996 gestorben], Tony Thompson [Schlagzeuger von Chic; 2003 gestorben], ­Raymond Jones [Keyboarder von Chic; 2011 gestorben] –, die am meisten party- und drogenorientierte Person. Meine Familie sind heroinsüchtige bohemians, sie sind cool, ich wurde ins Heroin geboren, in meinem Leben gab es immer Drogen. So, jeder nahm an, ich würde der Erste sein, der stirbt, wegen meines waghalsigen Lebensentwurfs. Doch die Wahrheit ist: Wir sind alle genetisch gleich, aber verschieden, wie David Bowie sagen würde. Ich hatte den gleichen, aggressiven Krebstyp wie Frank Zappa; er hatte nach der Diagnose noch zwei Jahre, bei mir funktionierte die Behandlung. Ich sagte: ‹Ich lass die Ärzte tun, was sie tun können. Ich tu, was ich kann.› Und was ich kann, ist Musik spielen und happy sein.» – «Was dachten Sie, als der Krebs in Rückbildung war und Sie Ihr grosses Comeback mit ‹Get Lucky› hatten?» – «Jeder Komponist hat Zyklen in der Karriere. Als ich jung war, sagte mein Jurist: ‹Ich bring dir bei, wie du dein ­Leben lang reich sein wirst.› Er sagte, dass ­niemand, nicht die Beatles, nicht mal Paul ­McCartney, immer Hits haben, sondern dass man heisse und kalte Zeiten habe. Und was man in der kalten Zeit machen müsse, um reich zu sein: nämlich nicht verrückt sein und die verrückten Dinge tun, die Künstler normalerweise tun, wissen Sie, was Hip-Hopper erzählen: ‹Ich hab meinen Learjet, meinen Lamborghini rollin’ . . .› Sondern zu sparen. Ich hatte grade ein Rennboot gekauft und einen Maserati, ich hatte acht Millionen verdient und war 24. Dann hörte ich auf auszugeben. Das ist nicht, wer ich bin. Ich bin Musiker, Geld ist eine Begleiterscheinung, wenn man einen Hit hat. Und man weiss nie, wann man einen Hit hat.»

«Sie hatten 21 Nummer-eins-Hits. Und machen dennoch Reklame für eine Uhrenmarke – weshalb [für Girard-Perregaux, das Gespräch fand am GP-Sitz in La Chaux-de-Fonds statt]?» – «Interessant, was Sie sagen. Ich mache keine Reklame, es ist umgekehrt. Ich habe eine Stiftung für einen wohltätigen Zweck, die We Are Family Foundation, wir haben ein Mentorprogramm für Teenager. Und GP, die einige meiner liebsten Uhren hergestellt hat, hat eine We-Are-Family-Uhr entworfen.»

 

Neil Rodgers liebstes Restaurant:

«Irgendwo auf der Welt? Nun denn . . .» «Da Conch Shack» Providenciales, Turks- und Caicosinseln, Britische Überseegebiete, ­Telefon +649 946 8877 34