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Interview mit Karl Lagerfeld

MARK VAN HUISSELING trifft…

KARL LAGERFELD; ein kurzes Gespräch mit einem grossen Auskunftgeber (unter schwierigen Bedingungen).

Wenn es das Jahr 2004 wäre und ich den Modemacher und Fotograf damals für diese Spalte befragt hätte, hätte ich einen field day gehabt – hätte beschrieben, wie er mit Verspätung kam zur Ausstellungseröffnung seiner «Fire Etchings»-Fotografien in der Galerie Gmurzynska in St. Moritz. Und wie wenig Zeit übrig gewesen war für die vielen Journalisten. Möglicherweise hätte ich zugegeben, dass deutsche Kollegen einen früheren und längeren Interview-Slot bekommen hatten als ich (etwa Sven Michaelsen und Philipp Jessen für Gala, ein People-Magazin, mit dem ältesten Trick zudem – «wir bringen ihn auf dem Titel»). Und allenfalls, dass Ihr Kolumnist seine Zeit mit Kollegen (erst noch aus der Schweiz) teilen musste, weil die letzte Flugbewegung vom Airport Engadin Samedan/St. Moritz um 18.30 Uhr stattfinden musste, auch für Privatflieger mit Lagerfeld als Fluggast. Doch das ist 2013 und ich gebe (vor allem) wieder, was und wie viel Lagerfeld antwortete und sagte in wenig Zeit (11 Minuten 8 Sekunden inklusive Begrüssung und Verabschiedung). Er lässt sich gern befragen; Interviews sind sein Sozialleben, denke ich.

Politik und Stil

«Als ich Sie das letzte Mal befragte, sagten Sie, Sie liessen sich inspirieren von der Finanzkrise und von Finanzbetrügern. Welche Nachrichten beeinflussen Sie zurzeit?» – «Alles, alles; Zeitgeist, Zeitgeist, Zeitgeist. Das soll man nicht zu sehr in Worte tun, sonst wird das wieder Marketing, und ich mache kein Marketing. Es ist eine Aufnahme des Zeitgeists, ohne ihn zu analysieren, sondern irgendwie instinktiv richtig zu verwenden für die Arbeit.» – «Beschäftigt Sie die neue hohe Steuer für Sehrgutverdiener in Frankreich, wo Sie leben?» (75 Prozent Steuer für Einkommen über eine Million Euro.) «Wenn man was sucht, um die Leute aus dem Land zu kriegen, dann haben sie was gefunden. Aber mich beschäftigt das nicht. Und die wirklich reichen Leute auch nicht.» – «Weshalb nicht?» – «Ich lebe in einer getrennten Welt von der Realität. Ich kümmere mich nur um meine Arbeit, was ich in Paris mache, in Mailand und Rom, was ich in New York mache und so weiter und so fort.» – «Was halten Sie von Gérard Dépardieus Auftritt?» (Er wurde russischer Ehrenbürger, nahm einen Pass von Wladimir Putin entgegen, will nach Russland ziehen.) «Ich meine, er ist ein witziger Mann, er ist ein genialer Schauspieler, aber ich habe das Gefühl, das hat er für seinen Führerschein gemacht; er hat Führerscheinprobleme in Frankreich, und in Russland kriegt man den umsonst.» – «Interessieren Sie sich für Politik?» – «Ich bin sehr auf dem Laufenden, aber da ich in meinem Leben noch nicht gewählt habe, habe ich auch keine Meinung.» – «Warum wählen Sie nicht?» – «Weil ich zu sehr hinter die Kulissen der Politik sehen kann, um dann noch die Leute zu wählen.» – «Wie finden Sie SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück vom Stil her?» – «In der Politik kann jeder seinen Stil haben. Frau Merkels Stil ist richtig für ihren Job. Die Deutschen behalten besser Frau Merkel.»

Karl Lagerfeld mit Brille und weissem Kragen

«Alles, alles; Zeitgeist, Zeitgeist, Zeitgeist»: Lagerfeld, Modemacher und Fotograf, 84.

Was Karl Lagerfeld nicht kann

«Ist die Schweiz auf Ihrer Landkarte? – «Ich bin kein Resident hier und kann darum nicht viel darüber sagen. Es ist ein wunderschönes Land, ich war ewig nicht in Saint-Maurice, man hat hier eine tolle Aussicht, mit dem Schnee und so, aber ich bin keine Freizeitperson und kein Ferienmensch…» – «‹Kein Campeur› haben Sie einmal gesagt.» – «Genau. Ich gehe nur aus, wenn es für die Arbeit ist, sonst bleibe ich zu Hause mit meinen Büchern.» – «Was können Sie nicht?» –«Klavier spielen, das ist das grosse Bedauern meines Lebens. Ich liebe Musik und ich habe viele Freunde, die wirklich spielen können.» –«Haben Sie es versucht?» –«Ein Jahr lang. Dann hat mir meine Mutter den Deckel des Klaviers auf die Finger geschlagen und gesagt: ‹Geh zeichnen, das macht weniger Lärm.›» – «Was ist das Wichtigste, was Sie von Ihrer Mutter gelernt haben?» – «Das, unter anderem.» –«Sie haben seit kurzem eine Katze, durfte die heute mit?» (Diese Frage kam von einem Kollegen, der für Bolero arbeitet; doch sie hat was, finde ich.) «Nein, heute nicht. Aber wenn ich nach Amerika gehe, oder für länger weg bin, kommt die mit.» – «Obwohl sie eine eigene Gouvernante hat, nicht wahr?» – «Ja, das stimmt.» – «Sie leben luxuriös, können Sie sich ein normales Leben vorstellen?» – «Wenn ich prätentiös wäre, würde ich sagen, ich habe ein normales Leben. Ich arbeite sehr viel, bloss die Umstände haben dazu geführt, dass es ein wenig verschönert wurde.»

Karl Lagerfelds Lieblingsrestaurant

«Haben Sie ein Lieblingsrestaurant?» – «Ja, ‹La Maison du Caviar› in Paris. Aber ich gehe nicht sehr oft in Restaurants, weil ich lieber meine eigene Kost habe; ich habe einen Koch.»

La Maison du Caviar,21 rue Quentin-Bauchart, Paris, Frankreich, Telefon +33 1 47 23 53 43


Randnotiz

(Gemäss einer allgemein zugänglichen Enzyklopädie im Internet.)
Lange Zeit gab Lagerfeld als Geburtsjahr 1938 an, später dann 1935. Die deutsche Zeitung Bild am Sonntag publizierte im Jahr 2008 Auszüge des kirchlichen Taufregisters Hamburgs als auch Aussagen der Lehrerin sowie eines Klassenkameraden von Karl Lagerfeld, die 1933 als dessen Geburtsjahr nannten. Gleichwohl, weiterhin geheimnisvoll, liess sich Lagerfeld am 10. September 2008  Karl zum 70. Geburtstag gratulieren (analog zum Jahr 2003, als es der «65.» Geburtstag war). Einige Journalisten richteten sich nach dem Modeschöpfer, andere nicht.

Die «Welt am Sonntag» publizierte am 07.07.2013 das korrekte Geburtsdatum von Karl Lagerfeld; der 10.09.1933. Diese Publikation stützt sich auf das Buch der Freizeit-Historiker Maike und Ronald Holst aus dem Hamburger Stadtteil Blankenese. Bei den Recherchen zu ihrem Buch «Blankeneser Frauen» entdeckten sie eine Karte mit einer Geburtsanzeige. Darin gaben «Otto Lagerfeld und Frau Elisabeth, geb. Bahlmann» die Geburt ihres Sohnes bekannt. Auf der Karte hängt mit einer blauen Seidenschleife eine kleine Zusatzkarte mit der Inschrift «Karl Otto» , darunter «Sonntag, 10. September 1933» .